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COVERSTORY

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6/2018

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6/2018

FOTOS: NETFLIX, APA-PICTUREDESK

FOTOS: ISTOCK / THINKSTOCK, ISTOCKPHOTO.COM

Artificial Reading bringen daher auch die

Hausgerätebranche in eine neue Dimen-

sion. „Unserer Software kann man sagen:

Ich erwarte in 15 Minuten Besuch, was

kannst du für mich tun? Es wird vor-

schlagen, in üblicherweise besonders

verschmutzten Ecken zu reinigen und

dass es in zehn Minuten damit fertig ist.“

2018: Der robotische Butler

steht vor der (Haus-)Tür

Artés sieht in einem Zeithorizont von

zwei bis sieben Jahren ein deutlich effizi-

enteres Zuhause auf uns zukommen. „Es

geht alles in Richtung des robotischen

Butlers. Manche denken, es wird eine Art

Humanoid, ich denke, es werden mehre-

re Geräte sein, die miteinander kommu-

nizieren und zusammenarbeiten.“ In der

Küche der Zukunft könnte dann völ-

lig autonom gekocht werden, der But-

ler serviert. Ein Ansatz, den man „Fetch

and Carry“ nennt. Artés sieht auch die

„letzte Meile von Google“ schon bald

gelöst. „Ich kann alles googeln, nur mein

Zuhause nicht. Es wird daher intelligen-

te Haushüter geben, die daheim nach

dem Rechten sehen, wenn die Besitzer

unterwegs sind.“ Von einer Revolution

spricht Artés aber nur bedingt: „Eine

klassische Bibliothek ist aus heutiger

Sicht unsinnig geworden, doch haben

wir den Umbruch als echte Revolution

erlebt?“ Innovationen, die uns in den

nächsten Jahren „ins Haus stehen“ wer-

den, könnten wir so erst retrospektiv als

Revolution wahrnehmen. So auch in der

Film- und Musikindustrie.

Good old Hollywood is dying

Vor rund 100 Jahren schlug die Geburts-

stunde großer Unterhaltungskonzerne

wie United Artists, Ufa, Terra Film

oder der Bavaria Filmstudios. 1905 ent-

stand eines der ersten Kinos der Welt

in Frankreich. Die Technologie entwi-

ckelte sich nicht zuletzt durch die Grün-

dung der großen Studios rasant: 1922 lief

schon der erste Tonfilm, 1935 der Farb-

film. Nach und nach steigerten sich die

Soundqualität oder die detailtreue Wie-

dergabe. Doch erst durch die Streaming-

dienste änderte sich die Distribution der

Filme und Serien zum Endkonsumenten.

Netflix etwa startete 1997 als DVD-Ver-

leih, der seine Filme per Post versandte,

und wurde 2007 selbst zum Produzenten.

Die großen Dienste sind dabei vergleichs-

weise jung: Netflix streamt erst seit 2007,

Amazon Prime Video erst seit 2014.

Kastration der Musik?

Musikstreamingdienste wie Spotify und

Co mischen zudem den klassischen

Radio- und Tonträgermarkt auf und

nicht nur das: Spotify verändert nach-

weislich die Musik an sich. Es analy-

siert das Nutzerverhalten und liefert so

den Code für den „perfekten Song“, also

jenen, der so vielen Menschen wie mög-

lich gefällt, analog der Hollywood-Block-

buster in den 1970er Jahren. Der kana-

dische Rockmusiker Neil Young ist kein

Freund dieser Entwicklung: „Musik ist

von Apple und Spotify kastriert worden“,

meint der heute 73-Jährige rotzig. Es hat

eben jede Innovation zwei Seiten und das

Match zwischen Zukunftspessimisten

und Zukunftseuphorikern gab es schon

vor 100 Jahren. Zumindest das wird sich

auch bis 2118 nicht verändern.

¢

ist die chinesische Plattform WeChat,

eine Art Facebook, die aber nicht nur

als soziales Netzwerk dient, sondern mit

der man auch über WePay bargeldlos ein-

kauft oder Versicherungen abschließt. „Es

ist natürlich fraglich, was ein Staat wie

China mit diesen Daten macht“, warnt

Baker-Brunnbauer. Dennoch plädiert er

dafür, dass Europa den Anschluss zwi-

schen den USA und Asien nicht verliert.

„Sogar in Afrika ist man in vielen Staa-

ten weiter als in Europa. Fast jeder besitzt

ein Handy und bezahlt damit. Dazu wird

– aus der Not geboren – auch die Block-

chain in Afrika weit innovativer einge-

setzt als hierzulande.“ Europa sollte daher

ein digitales Setting aufbauen, um die gut

ausgebildeten Fachkräfte auch am Konti-

nent zu halten.

1918: Industrialisierung

des Haushalts beginnt

Im Sog des bereits erwähnten Direktver-

triebs gründeten sich vor knapp 100  Jah-

ren auffallend viele Haushaltsgeräte-

Unternehmen wie Electrolux, Bauknecht

oder KitchenAid. Nach dem Krieg lag

die Hauptlast auf den Schultern der

Frauen, zahlreiche Männer fielen oder

waren in Gefangenschaft. Für Haushalt

blieb wenig Zeit, zudem ermöglichten

immer kleiner werdende Motoren und

der Ausbau des Stromnetzes die „Indus-

trialisierung des Haushaltes“. Maschinen

begannen im Laufe der Jahre und Jahr-

zehnte immer mehr Arbeiten im Haus-

halt zu übernehmen. „Bis vor wenigen

Jahren hat sich im Kern daran nicht viel

geändert, außer dass die Maschinen effi-

zienter und besser wurden“, schildert

Harold Artés, CTO von Robart. Das Lin-

zer Unternehmen ist Technologieführer

bei Navigationstechnik von Haushalts-

robotern. „Heute leben wir in einer sehr

spannenden Zeit, weil mehrere Faktoren

zusammenkommen.“ Artés führt ein Bei-

spiel an: „Zuerst konnten wir Daten sam-

meln. Wir machten ein Foto und sam-

melten Pixel. Dann konnten wir Daten

interpretieren: Auf dem Foto ist ein

Apfel. Jetzt kommt mit künstlicher Intel-

ligenz der nächste Schritt: das Artificial

Reading. Es stellt einen Kontext her: Am

Bild ist etwa ein Mann zu sehen, der

zuckerkrank ist. Es wird ein Zusammen-

hang hergestellt, dass er den Apfel nicht

essen darf, weil er zu viel Fruchtzucker

enthält.“ Das Internet der Dinge und das

HEUTE

Die Netflix-Zentrale

in L.A.: Vom DVD-Ver-

leih stieg Netflix zum

Distributor und Pro-

duktionsstudio auf.

Kino anno dazumal:

Mit Ende des Ersten

Weltkrieges boomte

die Filmbranche.

FRÜHER

Neil Young,

kanadische

Rocklegende

„Musik ist von Apple und

Spotify kastriert worden.“