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6/2018

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6/2018

FOTOS: ISTOCK / THINKSTOCK, FH HAGENBERG, AEROMOBIL

erfand man gleich ein neues Geschäftsmo-

dell. Und 100 Jahre später? „Wir leben nach

der Fließbandfertigung durch Henry Ford

in der Zeit mit der größten Veränderung in

der Automobilbranche“, schildert Professor

Gerald Ostermayer, Fahrzeugtechnik-Exper-

te der FH Hagenberg. Und zwar gleich in

drei zentralen Bereichen: „In der Antriebs-

technologie, beimThema ‚Assistenzsysteme‘

und bei der Vernetzung nicht nur der Fahr-

zeuge untereinander, sondern auch mit der

Infrastruktur rundherum.“

Geschäftsmodelle ändern sich

Ostermayer bremst ein wenig die derzeitige

Euphorie: „Es wird noch lange dauern, bis man

nur mehr reiner Passagier sein wird. Es ist ein

Unterschied, ob man auf Highways in Kalifor-

nien autonomunterwegs ist oder in einember-

gigen und kurvenreichen Land wie Österreich,

wo sich Assistenten mit Regen, Nebel, Schnee

und Eis auseinandersetzen müssen.“ Doch

nicht nur das Fahrzeug an sich wird sich ver-

ändern, sondern alles, was mit ihm zu tun hat

wie etwa Werkstätten: „Das Fahrzeug erkennt

frühzeitig ein Problem und kommuniziert mit

dem Servicebetrieb, bevor es akut wird.“

Das Auto als offene Plattform

Zusätzliche Services werden zudem das

gesamte Geschäftsmodell der Autobauer

verändern: „Die OEMs müssen aufpassen,

dass es ihnen nicht so ergeht wie den Mobil-

funkbetreibern, denn das Geld verdienen heu-

te vor allem die Contentprovider, also jene, die

Gadgets und Services anbieten.“ Das Fahrzeug

könnte daher zu einer Art offenen Plattform

degradiert werden, das von Services anderer

Hersteller genutzt wird. So sind etwa Google

heute mit seinenMaps oder Apple mit seinem

CarPlay schon fast in jedem neuen Fahrzeug

präsent. Ein Hersteller von Navigationssys­

temen ist da in seiner Existenz bedroht.

Autos gehen in die Luft

Und noch ein Thema sieht Ostermayer mas-

siv imWandel: das Auto als Besitz und Status-

symbol. „Die Organisation der Mobilität wird

sich massiv wandeln. Ein Auto wird zu 90 Pro-

zent der Zeit nicht genutzt. Das muss sich und

wird sich ändern, weil es massive Probleme

verursacht.“ Man wird sich künftig Mobilität

statt eines Statussymbols kaufen. Ostermay-

er sieht daher auch einen Wandel im öffent-

lichen Verkehr. „Es wird die Anbindung

s war ein berühmter Ausspruch, der

die Stimmung nach Ende des Ersten

Weltkriegs in Österreich auf den Punkt

brachte: „L‘Autriche c‘est qu‘il reste“

– „Der Rest ist Österreich“. Ein Aus-

spruch, der genauso berühmt wie

falsch ist. Das Zitat wurde dem dama-

ligen französischen Ministerpräsiden-

ten Georges Clemenceau in den Mund

gelegt, nur hat Clemenceau bewiese-

nermaßen dieses so nie getätigt. Und

auch wenn es dieses Zitat nie gegeben

hat, es skizziert die Orientierungslo-

sigkeit eines ehemals großen Spielers,

der vier Jahre zuvor von einer Kriegs-

euphorie trunken war und 1918 nach

einem grausamen Weltkrieg ernüchtert

aufwachte. Am 21. Oktober 1918 folgte

die Zäsur in Form der Gründung einer

Republik, an die nicht viele glaubten.

Es war zudem der Endpunkt des ersten

technisierten Krieges der Geschichte.

Technologien, die nach 1918 rasant Ein-

zug in die zivile Gesellschaft hielten und

fast 100 Jahre lang Bestand hatten. 2018

stehen einige dieser Branchen vor dem

größten Umbruch in ihrer Geschichte.

1918: Fahrzeuge

als Kriegsmaterial

Wie die Automobilindustrie: Die Moto-

risierung während des Krieges konzent-

rierte sich vorrangig auf die Fertigung von

Militärfahrzeugen. Bestes Beispiel dafür

sind die USA: Obwohl erst 1917 in den

Krieg eingetreten, waren ein Jahr später

die wichtigsten Hersteller Ford und Wil-

lys-Overland. Letztere Marke hatte sich

damals auf Allrad- und Militärfahrzeuge

spezialisiert – seit 1941 firmiert die Mar-

ke unter „Jeep“. Während in Europa 1918

der Fahrzeugbau großteils zerstört war,

switchte die USA schnell wieder auf zivi-

le Produktion um. 1918 übernahm des-

halb der weit kleinere Hersteller General

Motors den damals drittgrößten Auto­

bauer der USA, Chevrolet, und begründe-

te damit den späteren Aufstieg zu einem

der größten Autohersteller der Welt.

2018: Größte Revolution

steht bevor

1918 schlug aber auch die Geburtsstunde

eines Weltmarktführers: des Autoverleihs

Hertz. Mit dem System „Drive-Ur-Self“

„Wir leben nach

der Fließband­

fertigung durch

Henry Ford in der

Zeit mit der größ­

ten Veränderung

in der Automobil­

branche.“

Gerald Ostermayer,

Professor an der

FH Hagenberg

Ô

Nach dem Ersten

Weltkrieg kam die

zivile Autoindustrie

nur langsam in Fahrt.

Bereits serienreif ist

dieses AeroMobil 4.0

aus Slowakei. Geht

der Verkehr in die

dritte Dimension?

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