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WIRTSCHAFT

10/2018

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10/2018

FOTO: WAKOLBINGER

Virtual Reality.

Mithilfe einer einzigartigen Software soll es Neurochirurgen

bald möglich sein, bei Operationen virtuell in die Köpfe der Patienten zu sehen. Dahinter

steht das Linzer Startup cortEXplore des 35-jährigen Mühlviertlers Stefan Schaffelhofer.

NAVI FÜR

GEHIRNCHIRURGEN

W

enn Elektrodenchips in

Gehirne implantiert werden,

wähnt man sich gewöhnlich

in Science-Fiction-Filmen, in denen

Künstliche Intelligenz in einer nicht all-

zu fernen Zukunft die Macht über die

Menschen ergreift. Die Zukunft findet

aber schon jetzt statt – im Techcenter

im Linz-Winterhafen. Dort hat sich das

Startup cortEXplore einquartiert. Mit

dystopischen Weltuntergangsszenarien

hat das Unternehmen freilich nichts

zu tun. Im Gegenteil: Was cortEXplore

macht, soll Menschen zu einem besseren

Leben verhelfen. Konkret geht es dar-

um, wie Personen mit Querschnittsläh-

mung oder Patienten, die an Amyotro-

pher Lateralsklerose (ALS) leiden, ihre

Bewegungsfähigkeit zurückgewinnen

können. Der Gründer von cortEXplore,

der aus dem Mühlviertel stammen-

de Neurowissenschaftler Stefan Schaf-

felhofer, hat ein System entwickelt, das

eine Schnittstelle zwischen Compu-

ter und Gehirn schafft – eben mithilfe

der eingangs erwähnten Elektroden, die

gezielt in das Gehirn eingepflanzt wer-

den. Diese Sensoren können die Signa-

le von Gehirnzellen auslesen, die nor-

malerweise Muskeln ansteuern. Mithilfe

der implantierten Chips können so etwa

Handprothesen gesteuert werden.

3D-Rekonstruktionen

Neben der Gedankensteuerung von Pro-

thesen und Roboterarmen für beein-

trächtigte Menschen soll das System für

weitere Operationen am Gehirn einge-

setzt werden, um Neurochirurgen zu

unterstützen. cortEXplore entwickelt zu

diesem Zweck punktgenaue chirurgische

Navigationslösungen. Laut Schaffelhofer

unterstützen diese die Ärzte bei der Pla-

nung und Durchführung von operativen

Eingriffen. Konkret funktioniert das so:

Eine Software setzt Daten aus Compu-

ter- und Magnetresonanztomographie

zusammen. Mit den dadurch geschaf-

fenen 3D-Rekonstruktionen, etwa des

Gehirns, und mithilfe von Kameras, die

im OP-Saal installiert sind, könne der

Chirurg etwa bei Tumoroperationen in

Echtzeit „virtuell in den Kopf des Pati-

enten hineinschauen“, sagt Schaffelhofer.

Innere, ansonsten nicht sichtbare anato-

mische Strukturen können somit virtu-

ell betrachtet werden. Eine Operation

lasse sich im Vorhinein exakt planen,

ohne die Gefahr, Gefäße des Patienten

zu verletzen. Laut Schaffelhofer soll das

schon bald über sogenannte Mixed-Rea-

lity-Brillen funktionieren. Der 35-jähri-

ge cortEXplore-Gründer ist ein Parade-

beispiel dafür, was sich seit geraumer

Zeit in der Linzer Startup-Szene abspielt.

Allein im ersten Halbjahr 2018 gab es

in der Landeshauptstadt laut dem für

Wirtschaft zuständigen Vizebürger-

meister Bernhard Baier (ÖVP) mehr als

500 Firmen- und Startup-Gründungen.

Viele von ihnen nutzen die Infrastruktur,

die im Linzer Hafen geschaffen wurde.

Schaffelhofer ist einer von 75 Gründern

und Jungunternehmern, die das Tech-

center als Startrampe genutzt haben.

Knapp 300 Arbeitsplätze sind dort

bereits entstanden.

Firmengründung

Bis vor Kurzem steckte cortEXplore

noch in der Projektphase. Schaffelhofer,

der unter anderem an der Rockefeller-

Universität in New York geforscht hat,

begann vor zwei Jahren, die Idee zu

entwickeln. Jetzt geht er den nächsten

Schritt. Gemeinsam mit seinem Mit-

streiter Bernhard Großwindhager sowie

seinem Mentor, dem Linzer Radiologen

Josef Kramer, hat der 35-Jährige eine Fir-

ma gegründet. Seit Anfang Dezember ist

der Gesellschaftsvertrag unter Dach und

Fach. Als Startkapital bringen die Jung-

unternehmer rund 400.000 Euro ein, das

Geld kommt zum Teil auch aus öffentli-

chen Fördermitteln.

Forschungszwecke

In den zwei Jahren der Projektphase hat

cortEXplore bereits namhafte Kunden

an Land gezogen: internationale Partner­

universitäten, etwa aus den USA, Kanada

und Israel. Von ihnen hat Schaffelhofer

schriftliche Zusagen, dass sie das System

erwerben und ab 2020 für Forschungs-

zwecke einsetzen wollen. „In vier bis fünf

Jahren soll die Technologie am Patienten

angewendet werden“, hofft der Startup-

Gründer im Gespräch mit CHEFINFO.

Zu diesem Zweck arbeitet cortEXplore

auch mit dem Neuromed Campus

des Kepler Universitätsklinikums

zusammen. Neben dem gesamten

Neuro-Navigationssystem will das

Unternehmen künftig auch Messsonden,

Elektroden und Dienstleistungen,

sprich Schulungen anbieten. Anerken-

nung für sein Projekt erntete Schaffel-

hofer bereits diesen Sommer: cortEX-

plore wurde mit dem von tech2b, den

Technologiezentren, der Kunstuni Linz

und der Creative Region ausgeschriebe-

nen goldenen „EDISON Preis 2018“ in

der Kategorie „technologie-orientierte

Ideen“ ausgezeichnet.

¢

Text:

Christian Ortner

75

Startups

nutzen das Techcenter in

Linz als Startrampe, dar-

unter auch cortEXplore.