Previous Page  12 / 100 Next Page
Information
Show Menu
Previous Page 12 / 100 Next Page
Page Background

FOTOS: XXXXXXXX

F TO: ERNST KAINERSTORFER

12

AUSTRIAN

Family

Business

E

ETHIK

Es gibt im Nordosten der Schweiz

zwei Kantone, die das Herz von An-

hängern des Soziologen Max Weber

höherschlagen lassen. Innerrhoden

und Ausserrhoden sind annähernd

gleich große helvetische Gliedstaaten.

Allerdings beten die Gläubigen in

Ausserrhoden seit Jahrhunderten nach

Luthers Art, während sie in Innerrho-

den sonntags mehrheitlich die katholi-

sche Kirche besuchen. Das wäre heut-

zutage keine große Sache, gäbe es da

nicht das gewaltige Wohlstandsgefälle

zwischen den zwei Nachbarkantonen.

Die Menschen im protestantischen

Ausserrhoden haben viel mehr Geld

in der Tasche, die Arbeitslosigkeit ist

geringer. Das Beispiel scheint eine der

Kernthesen Webers zu bestätigen, die

der Forscher vor gut 100 Jahren in

einem Klassiker aufgestellt hat, dass

alle, die Wirtschafts- oder Sozialwis-

senschaften studieren, durchackern

müssen: „Die protestantische Ethik

und der Geist des Kapitalismus.“

Bangen um Gottes Gnade

Pointiert zusammengefasst: Protes-

tantische Wirtschaftstreibende sind

erfolgreicher als katholische, weil sie

sich mehr Mühe geben. Anders als

ihre Glaubensgeschwister gehen sie

nicht automatisch davon aus, dass sie

für Gott etwas ganz Besonderes sind.

Bangend um seine Gunst suchen sie

nach einem möglichst eindeutigen

Zeichen der Zuneigung: Wohlstand.

Und damit es der Schöpfer nicht un-

nötig schwer hat, ihnen seine Sympa-

thie zu bekunden, legen sie sich bei der

Arbeit umso mehr ins Zeug.

Frühaufsteher

versus Langschläfer?

Hat Weber recht? Sind Protestanten

also Menschen, die morgens hurtig

aufstehen, während Katholiken gerne

noch ein paar Mal die Schlummertas-

te am Wecker drücken? Über diese

und andere Fragen zur protestanti-

schen Wirtschaftsethik haben wir

uns mit dem renommierten Theolo-

gen Ulrich Körtner unterhalten. Der

61-jährige gebürtige Norddeutsche

mit der markanten roten Brille gehört

zu den bekanntesten Gesichtern der

evangelischen Kirche in Österreich.

Körtner hat einen Lehrstuhl an der

evangelisch-theologischen Fakultät

der Universität Wien, ist Autor zahl-